ich bin studienabbrecherin.

wirklich gerne habe ich nie studiert. studieren war für mich immer nur zweite wahl. weil ich mit viel glück mein abi fast aus versehen machte. eigentlich wollte ich nämlich schon nach dem realschul-abschluss arbeiten gehen. geld verdienen. aber dann kam da so ein auslandsjahr dazwischen und vor allem das privileg, dafür ein stipendium bekommen zu haben. und meine guten noten, die mir den übergang in die oberstufe ermöglichten. wäre ja blöd gewesen, das nicht auszunutzen. und eigentlich wollte ich spätestens dann, nach dem abitur, endlich arbeiten. und bei meinen eltern ausziehen! aber ich fand keine wirklich passende ausbildung. weil ich auch irgendwie noch nicht so genau wusste, wohin eigentlich mit mir. „irgendwas mit medien“. studium war die letzte option. und irgendwann realität.

weil mein schnitt aufgrund des lustfreien abiturs nicht gut genug für „irgendwas mit medien“ war, studierte ich also literaturwissenschaften und geschichte – auf bachelor. als erste aus meiner familie fand ich mich an einer universität wieder. eine völlig neue realität. ein anderes universum. und ich fand es spannend. und ich war gespannt. und meine fächer fand ich, auch wenn sie nicht meine erste wahl waren, toll. ich fand die themen interessant, wenn auch oft überwältigend. ich fand meine dozentinnen sympathisch, wenn auch oft überfordernd. aber wirklich wohl gefühlt habe ich mich in der rolle der studentin nie. irgendwie fühlte ich mich doch immer wie ein fremdkörper. nicht willkommen. ein bisschen wie alice im wunderland. in dieser welt waren alle so klug und gebildet, sie kannten all‘ diese theorien und sie lasen bücher, für die ich mich auch immer interessierte, aber die ich nie wirklich zu verstehen glaubte. ganz oft fühlte ich mich einfach nur klein und dumm. als hätte ich einfach nur das glück gehabt, mal in dieses universitäts-universum hineinschnuppern zu können – aber ohne meinen eigenen platz dort.

nebenbei arbeitete ich immer. zum einen, um mir die studiengebühren leisten zu können. zum anderen teil auch ehrenamtlich im uniradio, weil ich dort freunde fand, einen anker. etwas, dass mich an diesem fremden ort hielt. auf der zielgeraden zum abschluss außerhalb der regelstudienzeit begegneten mir immer wieder momente, in denen ich völlig überfordert war, ich mich gestresst, krank und hilflos fühlte. aber ich schaffte meinen bachelor. weil meine bachelor-arbeit mir im gegensatz zum restlichen studium zum ersten mal die möglichkeit bot, mich in ein thema, das mich zu hundert prozent interessierte, tief einzuarbeiten. viele andere themen konnten aufgrund von deadlines, zeitmanagement-problemen und übervollem stundenplan ja immer nur angerissen werden. ich absolvierte ein studium, das auf oberflächlichkeiten beruhte.

einige von euch werden wissen, wie schwer ein einstieg in die medienbranche ist – vor allem, wenn man nicht unbedingt beim lokalradio arbeiten möchte. und so schaffte ich diesen schritt auch nach dem bachelor nicht. bewerbungen waren erfolglos, vitamin b nicht vorhanden. und so, denn wie könnte es anders sein? studierte ich weiter. dieses mal einen master-studiengang mit direktem bezug zu meinem damaligen berufswunsch. ich beschloss, das studium so schnell wie möglich durchzuziehen, keine emotionale bindung zur stadt, zur uni, zu den kommilitoninnen aufzubauen. und so schnell wie möglich wieder zu flüchten. leider klappte das so nicht.

während des masters ging meine langjährige beziehung auf , für mich, sehr schmerzvolle art und weise zu ende. meine (mittlerweile als depressive episoden identifizierten) „schlechten phasen“ wurden häufiger, länger. meine (mittlerweile als panikattacken identifizierten) „schlimmen momente“ wurden zur regel. ich war krank, unglücklich und es brauchte sehr lange, bis ich feststellte, dass dies unter anderem am studium lag. erst eine therapie machte mir deutlich, dass mir die uni, die unibibliothek, die seminarräume, das hausarbeiten-schreiben… dass mir das alles angst machte. weil ich mich fehl am platz und unzureichend fühlte. weil ich zwar sehr viele privilegien genieße, aber leider nicht das des akademischen hintergrundes. und mich das mehr zermürbte, als ich wahrhaben wollte.

die therapie half – ich lernte, mit meinen panikattacken umzugehen. meine depression zu erkennen und zu behandeln. ich schrieb sogar eine hausarbeit – wenn auch außerhalb der universitären räumlichkeiten. aber ich fand nicht wirklich in den uni-alltag zurück. vielleicht, weil ich ihn nie wirklich kennengelernt hatte. stattdessen konzentrierte ich mich immer weiter auf meinen job, den ich kurz nach beginn des master-studiums gefunden hatte. dieser zeigte mir neue perspektiven, eröffnete mir neue themen und ich erkannte ganz neue interessen in mir. er war immer meine stütze, mein halt gewesen. für meinen job war es nie ein problem gewesen, aufzustehen (denn hier durfte ich auch mal zu spät kommen, wenn es gerade ganz schlimm war). auch wenn ich nicht viel zu meinem job selbst sagen will – es ist einer in der sozialen branche. ich arbeite mit menschen, statt für medien. und darüber bin ich so froh. ich kann mir mittlerweile nichts anderes mehr vorstellen.

trotzdem war der abbruch meines studiums nie eine option für mich. vielleicht, weil es immer „aufgeben“ für mich bedeutet hatte. etwas nicht zu ende zu bringen. nicht „durchziehen“. für mich war immer klar: du machst das halt irgendwann. irgendwie. wird schon. aber es wurde nicht. mittlerweile hatte ich stattdessen schon magenschmerzen, wenn ich nur an der uni vorbeifuhr. gespräche über hausarbeiten, seminare und semesterbeiträge stießen mir auf. ich zog mich zurück von den zwei kommilitoninnen, die ich dann doch während des studiums liebgewonnen hatte. einfach weil ich das thema universität immer mehr vermied. an guten tagen existierte mein studium gar nicht mehr für mich. an schlechten führte der gedanke an noch nicht abgeholte scheine wieder zu panikattacken. die immer wieder von verwandten und vor allem eltern aufkommenden fragen nach dem „wie lange noch?“ wurden zu spießrutenläufen. und schnell wieder verdrängt. aber glücklich und zufrieden wurde ich so nie. und das, obwohl ich es in anderen bereichen meines lebens längst hätte sein können.

und dann kam er – der 14. oktober 2013. ich saß in der ubahn auf dem weg zur arbeit und war umzingelt von studentinnen. schon vorher hatte ich auf twitter vom beginn des neuen semesters gelesen und es versucht, so weit wie möglich von mir fernzuhalten. ich hatte, wie auch in den letzten semestern, meine beiträge gezahlt und wollte sonst nichts davon hören. aber die ubahnfahrt brach meinen schutzwall. meine versagens-ängste waren alle wieder mit einem schlag zurück. ich war die langzeitstudentin, über die alle immer ihre witzchen reißen. ich hatte es nicht geschafft. und vielleicht würde ich das auch nie. und hier, auf dem weg zum zug, kam sie zum ersten mal. die frage: „was ist das schlimmste, was passieren kann?“. was war das schlimmste, was passieren könnte, wenn ich es nicht schaffte? wenn ich vielleicht sogar aktiv für mich entschied, es nicht mehr versuchen zu wollen? antworten gab es, aber nicht viele. kein master-abschluss, (möglicherweise) schlechtere berufschancen in der zukunft, zeit verschwendet.  zum ersten mal dachte ich: ist es das wirklich wert? und antwortete mit: nein.

zum ersten mal war ich nicht mehr bereit, meine (psychische) gesundheit für einen universitären abschluss auf’s spiel zu setzen. ich war nicht mehr bereit, meine sonstigen erfolge immer nur im schatten des nicht abgeschlossenen studiums zu betrachten. ich akzeptierte die lähmung in sämtlichen anderen bereichen meines lebens nicht mehr. und ich beschloss, mein studium abzubrechen. während ich am bahnsteig auf dem weg zu meinem tollen job stand, telefonierte ich mit meinem wunderbaren freund, der mich unterstützte und ich beschloss, studienabbrecherin zu werden.

seitdem hatte ich für mich noch einige hindernisse zu überwinden – mit meiner arbeitgeberin sprechen, meine freundinnen informieren und vor allem: den entschluss meinen eltern beichten. diese waren, wenn auch unfreiweillig, immer ein großer teil des drucks gewesen, den ich mir selbst auferlegt hatte. aber auch sie reagierten – wie alle anderen großartigen menschen meines engeren umfeldes – mit verständnis. und so rollten innerhalb einer woche zahlreiche, schwere steine von meinem herzen. mittlerweile steht mein beschluss seit einigen wochen. und ich habe ihn nicht bereut. bewusst entschloss ich mich dazu, mich erst einmal nicht zu exmatrikulieren – um eine rückkehr, ein umentscheiden möglich zu machen. aber das wäre unnötig gewesen. nie habe ich mich entspannter und erleichterter gefühlt. im gegensatz zu vorher kann ich mich auf jahresabschnitte, wie weihnachten, freuen. weil sie nicht mehr bedeuten, dass ich schon wieder ein halbes jahr nichts geschafft habe. stattdessen bedeuten sie, dass mein leben weiter geht. dass ich wieder vorfreude haben darf. dass ich meine tolle beziehung, meinen job, meine freundinnenschaften wieder genießen darf. ohne permanentes, schlechtes gewissen. es fühlt sich nicht wie aufgeben an. viel mehr ist es eine aktive entscheidung. es ist ein weiterer schritt in meinem leben.

nein, ich muss nicht mehr überlegen oder mir ein hintertürchen offen halten. denn mein entscheidung steht fest: ich bin studienabbrecherin.

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