über das nicht-schreiben-können schreiben.

schon seit meiner kindheit habe ich geschrieben. erst waren es kurzgeschichten, zwischenzeitlich gedichte, irgendwann blogposts und manchmal auch einfach nur tagebuch. aber da waren immer irgendwelche gedanken in meinem kopf, die ich wertvoll genug fand, um sie auf papier zu bringen. und manchmal traute ich mich sogar, sie anderen menschen zu zeigen. später immer mehr. vor allem fremdem publikum auf einem anonymen blog im internet. da hatte ich nichts zu verlieren. das innerste mit fremden teilen fiel mir immer leichter. bei näheren freundinnen oder der familie wollte ich lieber erklären können, statt sie einfach mit aneinander gereihten worten zu verwirren und vielleicht sogar zu schocken. fremde waren mir immer egal und irgendwie fand sich ja dann doch immer ein mensch, der verstand. oder zumindest zu verstehen glaubte.

dabei sind meine texte über die zeit immer mehr assoziationsketten geworden. keine durchdachten geschichten, keine storylines oder gar artikel. bei mir kam alles immer irgendwie aus dem bauch. ich schrieb, was ich dachte. zu irgendwelchen themen. in den meisten fällen eben persönliches. weil sich bei mir schon immer viele meinungen, gedanken und gefühle angesammelt haben. und irgendwo mussten die ja schließlich hin. in meinem bauch taten sie mir nicht gut, an die köpfe anderer menschen wollte ich sie meist nicht schmeißen. also dann doch lieber in’s moleskine oder direkt raus an’s internet.

damit habe ich mich auch eine zeit lang ganz schön besonders gefühlt. weil ich sonst niemanden kannte, der das machte. einen blog schreiben. oder überhaupt, so viel über sich selbst auf’s papier bringen. und das dann auch noch einigermaßen ansprechend formulieren. niemand in meinem freundes-, bekannten-, oder familienkreis schrieb, wenn mensch nicht musste. und natürlich fand ich das toll, dass ich da irgendwas besonderes machte.

irgendwann erweiterte sich meine reichweite. ich stellte fest, da gibt es noch mehr von, da draußen. das hat mich aber erst einmal gar nicht verunsichert, ich fand das sogar toll. es bestärkte mich. anscheinend musste es ja dann auch menschen geben, die das interessiert. und die gab es – einige davon. und ich schrieb weiter, manche hatten interesse daran und ich erst recht. das schreiben war über lange zeit mein ventil. aber dann passierte irgendwann irgendetwas. und ich kann es gar nicht benennen. leider. die assoziationsketten wurden gebrochen. meine texte wurden kürzer, meine worte brüchiger. die zeitabstände zwischen geschriebenem länger. immer öfter postete ich auf meinem blog lieber die gedanken anderer, in formen von zitaten, songtexten, videos oder fotos. obwohl immer noch viel, vielleicht sogar mehr, in mir vorging, wurde ich stiller. und auch wenn ich nicht alle schlechten dinge meines lebens auf sie schieben will, passierte das alles, als es mit meiner krankheit schlimmer wurde. im gegensatz zu der üblichen, medialen darstellung von künstlern machten mich meine depressiven phasen keineswegs kreativer. ich litt darunter.* und manchmal zwang ich mich zu schreiben, obwohl ich vielleicht gerade gar nichts zu sagen hatte. versuchte auszudrücken, was ich selber gar nicht verstand. und irgendwann gab ich auf. versuchte es einfach nicht mehr.

irgendwann wurde meine verfassung besser. aber als ich dann wieder schreiben wollte, vielleicht auch gekonnt hätte – hatte ich das gefühl, das „gewisse etwas“ verloren zu haben. das gefühl für assoziationen und worte. für rythmen und melodien. und irgendwie klang alles plump. die leichtigkeit, die mir worte immer geschenkt hatten, war verloren. und ich habe sie bisher nicht wiedergefunden. trotz allem habe ich mein blog nie zu hundert prozent aufgegeben. lange zeit hang ich daran, wie an einem längst zerschlissenen plüschtier. auch das internet blieb mir immer erhalten, in all‘ seinen facetten. aber ich bin mit der zeit eher zum konsument geworden. ich produziere selbst nur noch bruchteilhaft. oft schreibe ich tweets. und manchmal strömt sogar ein ganzer text aus mir heraus. vielleicht auch, weil sich da doch was aufgestaut hat. aber die leichtigkeit fehlt weiterhin. und manchmal macht mir das ganz schreckliche angst. weil ich beführchte, das einzige talent zu verlieren, das ich je an mir selbst feststellen konnte.

dazu kommt, dass meine reichweite und auch mein blickfeld mit der zeit immer größer geworden sind. auch das publikum hat sich verändert und sogar gesichter bekommen. teilweise durch sehr glückliche umstände, in einigen fällen aber auch durch unglückliche zufälle. mittlerweile kenne ich so viele menschen innerhalb und außerhalb des internets, die irre kreativ sind. ob mit worten oder anderen materialien. mir imponiert das sehr. aber manchmal schüchtert es mich auch ein. und ich fühle mich wieder klein und zurück in kreativen kinderschuhen. als machte ich das ganze zum allerersten mal. dabei habe ich keine probleme damit, das zuzugeben. ehrlich zu sein. vielleicht sogar manchmal zu ehrlich. ich gebe gerne preis, aus welchem grund auch immer. aber zu meiner eigenen form dafür habe ich noch nicht zurückgefunden. und vielleicht nehme ich mir manchmal auch zu viel vor. denn mittlerweile gibt es so viele themen, die ich gerne behandeln möchte. außerhalb meines eigenen seelenlebens. die mir wichtig geworden sind und für die assoziationsketten längst nicht mehr ausreichen. aber irgendwo muss ich halt auch einfach mal anfangen. aufhören, still zu sein. und meinen gedanken wieder freien lauf lassen. weil ich immer noch viele davon in mir trage. und glaube, einige davon auch ausdrücken zu wollen. das „wo?“ ist mit diesem, neuen blog geklärt. jetzt muss ich also nur noch herausfinden, wie.

* mich würde interessieren, ob andere mit diesem phänomen auch erfahrung haben. mit dem verlust von kreativität (oder wie mensch das auch immer ausdrücken will), während wirklich schlimmen zeiten. über geteilte gedanken dazu würde ich mich freuen – entweder in den kommentaren oder gerne auch per mail: maedchentraeume(at)gmx.net

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3 Kommentare zu “über das nicht-schreiben-können schreiben.

  1. „mir imponiert das sehr. aber manchmal schüchtert es mich auch ein. und ich fühle mich wieder klein und zurück in kreativen kinderschuhen. als machte ich das ganze zum allerersten mal.“
    Deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch dieses Gefühl das, was man so liebt und in sich trägt, nicht mehr nach aussen transportieren zu können. Den Akt an sich nicht mehr zu geniessen. So ging es mir eine zeitlang mit der Malerei. Nicht, weil ich nicht tausend Ideen gehabt hätte. Aber diesen Schritt sich hinzusetzen, fallen zu lassen, Dinge nach aussen zu tragen, der war zu schwer für mich. Vielleicht hängt das wirklich mit negativen Phasen zusammen, denn gerade wenn man sich labil und verletzlich fühlt kann sowas ja zur Angriffsfläche werden – auch vor sich selbst.
    Jetzt habe ich zwar langsam das Gefühl den Punkt überwunden zu haben. Dennoch kommen manchmal solche Gedanken. Das blockiert total. Gerade wenn man, wie du schreibst, auch mit anderen Kreativen zusammen ist (z.B. im Studium) fühlt man sich schnell im Zugzwang. Schwierig sowas. Am besten geht es mir eigentlich dann, wenn ich diesen Punkt überwinde, mich einfach an die „Arbeit“, bzw. das Leere Papier setze, und aufhöre darüber nachzudenken. Einfach tun. Ohne Ergebniserwartung. Beim Schreiben kann das ähnlich befreiend sein.

  2. Hmmm, guter Text. Mir kommt vieles daraus bekannt vor.

    Ich hab früher auch praktisch täglich gebloggt, und sehr viele Sachen die mir heute peinlich wären. Noch dazu viel Tagebuch geschrieben, ständig Geschichten geschrieben… und irgendwann war das alles weg. Bei mir lief medikamentenbedingt zwei Jahre lang das Gehirn auf Sparflamme, und auch wenn sich das geändert hat ist die kreative Quelle trotzdem so gut wie versiegt. Ich habe seitdem auch Schwierigkeiten mit Depressionen, und die helfen sicherlich nicht. (Ich kann nicht einschätzen ob sie irgendwas schlimmer machen – wo nix ist kann nicht weniger werden. Obwohl ich in depressiven Phasen nicht mal mehr irgendwelche stream-of-consciousness-Texte zustande bekomme.)
    Und selbst wenn ich gelegentlich das Gefühl habe, jetzt könnte ich was schreiben, ganz oft habe ich eben auch die Angst dass nichts mehr da ist. Schreiben war früher mein Lebensinhalt, und ich mache es lieber gar nicht als es zu versuchen und dann wirklich feststellen zu müssen dass ich dazu keinen Zugang mehr habe.
    Was blöd ist, weil mir ja so oder so der Lebensinhalt fehlt.

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